An meine lieben Leserinnen und Leser
(und an die lieben Buchhändlerinnen und Buchhändler)

Am besten oute ich mich gleich von Anfang an: ich heiße Christine und bin Happy-End-Autorin. Das wird auf dem einschlägigen Markt gerne als eine besonders problematische Art von literarischer Behinderung angesehen.
Ich zitiere: "Sie sollten dieses Buch lesen, weil es bei aller Klischeehaftigkeit und dem von Anfang an sicheren Happy End trotzdem ein Buch voller Überraschungen und guter Einfälle ist. Die Geschichte ist durchweg amüsant und mit Sprachwitz erzählt und ich muss sagen: ich habe mich auf keiner einzigen Seite gelangweilt. Gute Unterhaltung ist hier garantiert."
Da blickte eine Radioredakteurin in meinem Roman "Leni, Susanna und Molly Melone" dem sicheren (glücklichen) Ende ins Auge und langweilte sich trotzdem nicht! Na so was!

Das Leben lässt die Menschen ja oft fallen. Darüber wird viel geschrieben. Aber oft lässt es sie auch nicht fallen und darüber schreibe ich. Und dann schreibe ich auch noch so, dass es viel zu lachen gibt. Für den Leser und für den Helden. Und das ist in Deutschland problematisch.

Wir misstrauen dem Glück. Oft zu Recht. Aber diese Grundhaltung bringt uns dazu, im Leben wie in der Literatur, dass wir es verpassen, wenn es tatsächlich mal da ist - aus lauter Angst vor dem großen Pech, das vielleicht irgendwo lauern könnte! Deshalb sind uns Geschichten, die gut ausgehen, verdächtig.
Ich schreibe, weil ich gerne Geschichten erzähle. Aber ich kann einfach nicht mehr schlafen, wenn ich meine Geschichten bis zu einem Punkt getrieben habe, an dem der Untergang droht. Nach all den Katastrophen, die ein Autor seinen Helden zumuten muss, damit es der Leser recht spannend hat (na ja, und der Autor auch, ich geb's ja zu) muss ich einfach meine Buchkinder an die Hand nehmen, um zu sehen, ob sie kurz vor Schluss auch wirklich die Kurve kriegen - und dann lass ich es mir einfach nicht nehmen, dabei zu sein, wenn sie plötzlich Licht sehen. Soviel zum Makel Happy End.
Irgendeiner hat mal gesagt, in meinen Geschichten würde es "menscheln" und meinte das kritisch. Ich habe es als Kompliment aufgefasst. 

Der Roman wird oben für seinen "Sprachwitz" gelobt. Das freut mich. Was gute Unterhaltung ist, ist in Deutschland immer noch nicht definiert worden. Zu guter Unterhaltung gehört nämlich unbedingt eine Sprache, die die Sprache ernst nimmt. Die nicht die Verfallszeit eines Erdbeerjoghurts hat. Worte können wie Taten sein. Schön oder furchtbar. Ich bin nicht besonders ordentlich, aber ich finde, mit Sprache muss man sehr sorgfältig umgehen. Sie ist kostbar, sie kann vieles wecken und vieles vernichten. Was habe ich mich als Kind über die Sprache von Erich Kästner gefreut! Was habe ich durch ihn nicht alles über die Sprache gelernt! "Jetzt sitzt Fräulein Ulrike in der Wiese und liest einen wunderbaren Roman, in dem auf jeder Seite von Liebe die Rede ist. Manchmal lässt sie das Buch sinken und denkt versonnen an Herrn Rademacher, den Diplomingenieur, der bei ihrer Tante zur Untermiete wohnt: Rudolf heißt er. Ach Rudolf!" Bei so einer Sprache kapiert sogar ein Kind, was Ironie ist, und Ironie ist eigentlich nicht Kindersache.
Und jetzt komme ich zum liebsten Totschlägerwort der Unterhaltungskritiker, dem Klischee. Ich behaupte jetzt ganz ketzerisch, dass Unterhaltung ohne Klischee nicht auskommt.
Was heißt das denn überhaupt, Klischee?
Unterhaltung funktioniert über Identifikation oder das genaue Gegenteil. In beiden Fällen brauchen Romanfiguren Wesenszüge, in denen ich mich oder andere erkenne. Zu guter Unterhaltung gehören Figuren, die neugierig machen, die mitreißen, die uns mitfühlen lassen, die bei aller Komik Tiefe zeigen. Wenn ich mich mit jemandem identifiziere, bin ich bereit, mit ihm zu leiden, zu lachen. Ich interessiere mich für ihn. Das klappt nur, wenn meine Romanfigur Wesenszüge und Probleme hat, die mir vertraut sind.
Und schon sind wir im "Klischee". Aber, liebe Kritiker, worauf es ankommt - und das haben bislang nur wenige Journalisten gesehen, denen ich aber ewig dankbar sein werde - das ist der Umgang mit dem Klischee. Wie man als Autor ein Klischee bricht, wie man es so überhöht, dass es sich sozusagen selbst von rechts überholt. Wie man in ein hellrosa Idyll einen fetten Engel so dermaßen schief reintrompeten lässt, dass alle Romantik sofort und gezielt einen höchst irdischen Schmuddelsaum kriegt. Das ist die Kunst.
Die Kritikerin fühlte sich trotz ihrer geistigen Bauchschmerzen angesichts von Happy-End und Klischees gut unterhalten, ja, sie "garantiert" sogar gute Unterhaltung.
Dann muss ja irgendetwas wirklich funktioniert haben. Aber was bloß?
Ich hab's oben erklärt. Und meine lieben Leserinnen und Leser haben es längst begriffen. Aber für eine differenzierte Perspektive auf gute Unterhaltung sind die deutschen Kritikerbrillen noch nicht so richtig eingeschliffen. Geben wir die Hoffnung nicht auf. Wie gesagt, ich bin Happy-End-Autorin,

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